0512
Achtsamkeit
Im Murpark setzt sich eine Person auf eine Sitzbank und
begibt sich in den Zustand der Achtsamkeit (Vipassana). Dieser Vorgang wird für 40 Minuten mit versteckter Kamera gefilmt und mit 12-facher Geschwindigkeit wiedergegeben.
Der Kontrast zwischen Intervenierendem und sonstigen Besuchern des halböffentlichen Raumes wird durch die Zeitraffer-Wiedergabe verstärkt.
Die Intervention und ihre Dokumentation hinterfragen die Wahrnehmung der Umgebung, indem sie unserer alltäglichen Art und Weise die Wirklichkeit aufzunehmen einen Moment der Verschiebung beifügt. Die Mall gilt als zweckgebundener Bereich, der Bedürfnisse und Sehnsüchte stimuliert und deren Befriedigung verspricht; sie ist eine Spiegelung der kollektiven inneren Wirklichkeit. Diese wiederum wird von den subjektiven Wahrnehmungen der Individuen erst konstruiert.


Anticool Company
Anti-Shopping
Antishopping ist eine notwendige Reaktion auf den übertriebenen Konsumwahn und das vorherrschende Modediktat. Nicht mehr getragene Kleidungsstücke werden mit Etiketten versehen und zurück ins Geschäft gehängt. Die Künstlerinnen wollen mit der im Juli 2009 im Citypark Graz durchgeführten Aktion zur Nachahmung einladen. Etiketten und eine Anleitung zum Antishopping gibt es im Rahmen der Ausstellung zur freien Entnahme.

Kaufrausch? Modediktate befolgen? Billigproduktion? Shoppen bis zum Abwinken? Immer mehr haben wollen? Wir sagen: “Bye Buy”, “I don´t need a new one!” and let it be “Sould for free”

bergmayer\espinoza\goritschnig
shout out loud
Das Shopping Center stellt sich als vermeintlich öffentlicher Ort dar. Bei unseren Besuchen in den Grazer Malls, erlebten wir sie als einen Ort, an dem es nahezu unmöglich ist, individuellen Ausdruck geltend zu machen und Spuren zu hinterlassen. Alle Geschichten hier sind schon erzählt und müssen nur mehr konsumiert werden. Unvorgegebene Aneignung und Interpretation, die einen öffentlichen Ort ausmachen sollten, werden unterbunden. Abgesehen von den starren Regeln, die an den Eingansportalen als Verbotsschilder kommuniziert werden, dient die Konfiguration des Raumes und seine Materialität dazu, das Verhalten der Besucher auf unterschwellige Art zu reglementieren. Leerstellen, Freiräume, Ungestaltetes sind nicht zu finden und der Raum verwehrt sich gegen jede Art von Spuren, jede Patina, die Ereignisse hier hinterlassen könnten. An dieser Stelle setzt unser Projekt an und versucht die Grenzen individuellen Ausdrucks an diesem Ort zu illustrieren. Ein Element aus diesem hermetischen System wird als Medium verwendet, um Fragmente möglicher Botschaften kurzfristig in den Raum einzuschreiben.

Martin Gansberger
Konsumistische Utopie Graz Shoppingcity im Jahr 2050
Ausreizung und Übersteigerung des konsumistischen Gedankens bei gleich bleibender Bautätigkeit der Grazer Shoppingcenter. Analyse und Untersuchung nach möglichen Potenzialen und Nebeneffekten für die Stadt.
Die Shoppingcenter, welche sich zur Zeit noch wie Parasiten an den Rändern der Stadt an die Hauptverkehrsknoten heften, werden sich zusammenschließen und die Stadt langsam einnehmen und verformen. Grosse Parkhäuser sollen das private Pkw-Aufkommen abfangen und die Stadt von den vielen parkenden Autos befreien. Das öffentliche Verkehrsnetz soll ausgebaut werden und so der Stadt neue Möglichkeiten eröffnen.
Das Stadtzentrum als Handelszone verliert somit immer mehr an Bedeutung und wird zum Kulturprogramm für die „Shopper“. Durch die Mitnutzung der Altstadt als „romantisch gewachsene Struktur“, kann in den Shoppingmalls auf romantisierende Elemente wie historistische Schnörkel verzichtet werden, und diese durch eine moder-nere Formensprache ersetzt werden.
Erreichbarkeit der Malls: Zu diesem Zweck werden großflächige Parkhäuser errichtet wodurch der private Personenverkehr aus allen Richtungen angehalten, und mit einem attraktiven öffentlichen Verkehrsnetz in die Stadt oder zu den Malls weiter verteilt wird.
Positive und Negative Standpunkte sollen aufgeworfen und hinterfragt werden.

Aldo Giannotti
The Chase
Graz, Shopping City Seiersberg. Zwei junge Männer liefern sich eine wilde Jagd über das Gelände des Einkaufzentrums. Gekleidet in elegante Businessanzüge verfolgen die beiden einander, was bei den übrigen Besuchern der Shopping Mall ebenso verdutzte wie schmunzelnde Reaktionen provoziert. Welcher der Männer in dieser bizarren Szenerie indessen Jäger und wer Gejagten darstellt, bleibt unbekannt, da sie unentwegt ihre Rollen vertauschen.
Verfolgungsjagden sind uns vorwiegend über mediale Bilder vermittelt, zumeist durch Mafia- und Gangsterfilme: Dort, wo (fast) immer bekannt ist, wer Gut und wer Böse verkörpert. Die Ordnung dieses konventionalisierten Bildes vom Verbrecher gerät dagegen ins Wanken, wenn plötzlich Verfolger und Verfolgter im slicken Anzug auftreten und – mehr noch – unaufhörlich ihren Status im narrativen Gefüge verändern. Der Jäger wird zum Gejagten und umgekehrt. Unsere Wahrnehmungsmuster geraten in Unordnung und sehen sich manipulativen Verschiebungen ausgesetzt, zumal sich eine Jagd und ihre Hierarchie nicht zuletzt durch klare Ordnungen und stabile Machtgefüge definieren: Ein Gejagter wird aus einem – oft greifbaren, bisweilen moralisch nicht vertretbaren – Grund von einem Jäger verfolgt. Ein System produziert sich aus diesen Elementen. In der von Aldo Giannotti inszenierten Verfolgungsjagd quer durch das Grazer Shopping Center muss folglich die Zuweisung von Ordnungen misslingen: Die beiden Protagonisten verschwinden gleichsam hinter ihrer Kostümierung, entziehen sich einer Fixierung an eine bestimmte Stelle des Systems. Zugleich bilden sie einen vagen Verweis darauf, dass der Versuch einer eindeutigen Zuordnung von Gut und Böse bisweilen aussichtslos bleibt.
In vielen Branchen der Finanz- und Wirtschaftswelt wird der Businessanzug gleich einer Uniform getragen. Er ist dabei nicht nur konventionalisiertes Kleidungsstück, sondern stellt vielmehr Symbol und Projektionsfläche zugleich für Kapital, Macht und Politik dar. Als sich im Frühjahr 2009 im Londoner Bankenviertel Demonstranten angesagt hatten, um gegen das Vorgehen der Finanzinstitute zu protestieren, welches an der gegenwärtig größten Finanz- und Wirtschaftskrise seit dem Jahr 1929 Anteil hatte, musste kurzfristig die Kleiderordnung der Angestellten gelockert werden. Da viele der Investmentbanker Angst hatten – an ihren Anzügen erkennbar – zu Zielscheiben der wütenden Demonstranten zu werden, kamen sie in Freizeitkleidung zur Arbeit. Die Heerscharen von „uniformierten“ Bankern waren zu Repräsentanten der Krise geworden: Über ihre Anzüge waren sie als „Täter“ markiert. Als Jäger, zugleich aber auch als Gejagte in einem System, das sich in abenteuerlichen Finanzkonstrukten heiß gelaufen und schließlich überhitzt hatte; ein System, in dem die tatsächliche Täterin viel eher mit „Gier“ zu benennen ist.
Ähnlich wie in den Spekulationsgebäuden der verheißungsvollen Finanzmärkte stößt man am Rande heutiger Großstädte auf artifizielle Architekturen, auf sonderbar unwirkliche Welten. Mit Rabatten und Sonderangeboten appellieren sie in einer nicht enden wollenden Schleife an die Befriedigung unserer Sehnsucht durch unentwegten Konsum. Ihrer suggestiven Anziehungskraft erliegen wir, werden gleichermaßen zu (Schnäppchen)Jägern und von der Sehnsuchtsmaschinerie Gejagten. Das Einkaufszentrum sonach als Ort, an welchem der moderne Mensch auf die Pirsch geht – in einem System, das sich über falsche Verheißungen und den Rausch durch Kaufen am Laufen erhält. So hetzen die beiden Männer in ihren Anzügen mechanisch durch die Gänge, gejagt von einem absurden System, selbst System.
Aldo Giannotti hat sich einer Praxis verschrieben, die manipulativ in soziale Gefüge und konventionalisierte Wahrnehmungsmuster eingreift und zugleich eine konsequente Ausweitung des künstlerischen Aktionsraumes betreibt. Ein Arbeiten mit und an gesellschaftlich, politisch und ökonomisch hergestellten (stereotypen) Bildern ist vielen seiner Werke inhärent; Strategien wie Verschiebung und Humor dienen dabei als Werkzeuge zur Aktivierung der Betrachter. Zur Disposition stehen dabei die Betrachter selbst sowie deren soziale (Interaktions)Räume, bisweilen jedoch auch die institutionellen Rahmenbedingungen und Akteure des Kunstbetriebs.
Beate Lex

Alexander Karelly
Der|die|das Jäger
Jagende Tiere haben verschiedene Taktiken, um an ihre Beute zu gelangen. So verändern manche Arten ihre Farbe in wunderschöne Signalfarben, um ihre Opfer zu locken.
Andere passen sich der Umgebung an, um so das spätere Futter zu täuschen. Die nachträgliche digitale Colorierung soll ebenso auf die „Schönfärberei“ in den Werbespots anspielen. So sind die Farben hinter den Schaufenstern gezielt reiner, kräftiger und leuchtender als jene auf der anderen Seite.
Beutetiere werden in der Serie „Der|die|das Jäger“ unscharf abgebildet, wodurch sie in der Abbildung vom Individuum zur breiten, für jegliche Medien, leicht angreifbaren Masse werden. Fotografiert wurde mit einem Tilt-Shift Objektiv, um die Schärfentiefe gezielt so zu legen, dass die Personen unscharf und die Schaufensterpuppen konkret abgebildet werden.


Johannes Kubin
Wanderbats - Die Seiersbergkolonie
Die gemeine Wanderfledermaus, auch „Wanderbat“ genannt, ist eine neu entdeckte Spezies und gehört zur Gattung der Fledertiere. Sie verfügt über ein rostfreies Innenskelett und ihre stets eingezogenen Flughäute bestehen aus synthetischen Polymeren. Dank ihrer Physiognomie ist sie daher äußerst Wetter- und Temperatur-resistent und wird aufgrund ihrer absonderlichen Form in manchen Kulturkreisen auch als Kunstwerk betrachtet.
Anzutreffen sind diese merkwürdigen Geschöpfe in großen Ansammlungen oft in Ausstellungsräumen, Ateliers und anderen Schnittstellen des Kunstbetriebs, sie halten sich aber auch gerne in privaten oder öffentlichen Gefilden auf, die mit einem sozialen künstlerischen Umfeld in Verbindung stehen. Hauptnahrungsquelle bietet ihnen der Mensch mit seinem irritierten Staunen. Sie sind im Allgemeinen aber äußerst genügsam und kommen oft wochenlang ohne Mahlzeit aus. Die Population einer neu gegründeten Kolonie ist stets abhängig von der Größe und Lage des jeweiligen Habitats.
Gemäß ihrem Wandertrieb wechseln sie nach gewisser Zeit ihren Standort. Man vermutet, dass die Dauer und die Wahl ihres Aufenthaltes von sozialen Umweltfaktoren abhängen, die bis heute noch nicht vollends spezifiziert werden konnten. In der künstlerischen und naturwissenschaftlichen Welt gelten diese Wesen als ungeklärtes Phänomen, da sie erst vor wenigen Wochen erstmals identifiziert wurden. Die Fluktuation und die Route ihrer Wanderung stellen ein Rätsel dar und sind bis dato unvorhersehbar. Auch ihre Lebensgewohnheiten sind derzeit noch unzulänglich erforscht und lassen viele Fragen offen. Fakt ist, dass eine positive oder negative Auswirkung auf den menschlichen Organismus bis heute weder bestätigt noch widerlegt werden konnte.

Johannes Kubin arbeitet an einer Serie von Plastiken, die ihrer äußeren Erscheinung nach Kokon-haft die Assoziation von schlafenden Fledermäusen wecken. Sie bestehen aus einem verbogenen Kleiderbügel aus Draht umhüllt von einem schwarzen Müllsack. Er produziert diese in einer Hohen Stückzahl und kreiert somit eine Fledermauskolonie, die auf Wanderschaft geht. Um den Wanderschaft zu verfolgen, benützt Kubin sein künstlerisches Netzwerk und hält seine Spurensuche filmisch fest. Es entstehen Videoclips, die sich zwischen Pseudowissenschaft, Satire und Dokumentarfilm bewegen. Der Künstler tritt mit Kollegen, Bekannten und Freunden aus dem Kunstbetrieb im In- und Ausland in Kontakt, die augenscheinlich seinen künstlichen Geschöpfen Unterschlupf gewähren. Die Objekte halten sich jedoch immer nur temporär an einem Ort auf, bevor die Kolonie weiterzieht und die Nachforschungen von neuem beginnen. Es kommt zu Situationen, in denen die Grenzen von Privatbereich und Orten des künstlerischen Ausdrucks verschwimmen. Es findet ein skurriler Kommunikationsprozess statt – zum einen wird das persönliche Umfeld des Künstlers widergespiegelt, zum andern entsteht ein inszeniertes Spannungsmoment der Analogie von Wesen und Nicht-Wesen. Der vermeintlichen Wahrheit hinterher jagend wird hier humorvoll die Brücke geschlagen zwischen Kunstschaffen und dem Bedürfnis nach Identität.
Marianne Lang
Black Box

Marianne Lang befaßt sich in ihrer Arbeit „ Black Box“ mit dem Thema Raum und dessen Möglichkeiten betrachtet zu werden. Sie zitiert hierbei architektonische Gliederungen und Strukturen der Fassadengestaltung des Shoppingcenters Seiersberg im Kleinformat. Passenderweise setzt sie die entstandenen Modelle in einen ungewöhnlichen Kontext, indem sie sie im Rahmen einer Intervention mitten in den Einkaufsbereich platziert, zwischen Einkaufswägen und umherschlendernde Konsumenten. Die in dieser Umgebung als Fremdkörper erscheinenden Gebilde ergeben zum einen optische Stolpersteine, zum andern wird ein Pendant zum sogenannten „Guckkasten“ kreiert, bei dem man allerdings nicht von außen nach innen sieht, sondern aus dem Inneren des Einkaufszentrums dessen Äußeres betrachten kann. Der Passant erkennt die geometrisch sterile Hülle, in der er sich gerade befindet und bewegt, und gleichzeitig den enormen Kontrast zur kommerziellen Scheinwelt, die sich ihm im Inneren omnipräsent darbietet. Gezielt wird ein Moment der Diskrepanz zwischen Raumwahrnehmung und Raumerlebnis inszeniert – überraschender Weise mittels Objekten, die ihrerseits lediglich Faksimiles ihrer Umgebung sind.
Johannes Kubin

Alfred Lenz
ohne Titel


Michail Michailov
Heimkino

Der Titel der Intervention ergibt sich durch die Wahl des Ortes, der Abteilung „Heimkino“ des Elektrohandels Saturn, wo ich mein Video „private dancing“ (01:45min.,loop) ohne um Erlaubnis zu fragen gleichzeitig auf mehreren Fernsehern mehrmals präsentierte.
Dieses Video thematisiert für mich die heimlichen Momente, in denen man zuhause sich in Spiegelungen betrachtet und Dinge tut, die einem sehr persönlich sind und in denen einem nichts zu peinlich ist, solange niemand anderer dabei zu sieht.
Durch die Präsentation im „Heimkino“ ermögliche ich mir eine weitere heimliche Selbstbeobachtung. Es kommt zu einer Selbstbeobachtung der privaten Selbstbeobachtung im öffentlichen privaten Raum.
Indem ich mir einen fremden Raum aneigne, versuche ich die eigene Identität und aktuelle psychische Zustände an der Grenze zwischen gelenkter Selbstdarstellung, künstlerischer Performance und vorgeblichem Exhibitionismus auszuloten.


R.A.P. 12
Such! Ein blickanalytisches Bumm-Bumm-Kläsch.

Durch Analyse mittels Gehirn- und Guckapparaten sind wir – die R.A.P1.2 (= Rotes Armee Partizip 1 hoch 2) – zu folgenden theoretischen Destillaten gekommen seiend, die sich in folgenden Worten, Fotographien und Installationen ausdrückend sind:
1.) Die Kontrolle als Paradigma:
Kontrolle stellt eines der führenden Paradigmen der kapitalistischen Gesellschaftszusammenhänge dar: Sie spielt nicht nur in der Warenproduktion, sondern vor allem auch beim Warenkonsum eine entscheidende Rolle. Der Zweck der Kontrolle besteht im ungehinderten Warenverkehr.
2.) Die Kontrolle als Macherhaltungsinstrument:
Kontrolle muss als Feedback-Regelungskreis verstanden werden, bei dem der Kontrollierende das Agens und der Kontrollierte das Patiens darstellt. Der Kontrollierende hat somit immer einen Handlungsvorsprung. Hierdurch wird die Wahrscheinlichkeit seines Machterhalts erheblich gesteigert.
3.) Der Wille zur Macht:
Der Mensch will nicht Kontrollierter, sondern Kontrollierender sein.
4.) Die postpanoptische Gesellschaft:
Waren in der panoptischen Gesellschaften die Rolle Kontrollierender-Kontrollierter noch getrennt, so simuliert die postpanoptische Gesellschaft die Aufhebung dieser Trennung: Jeder ist scheinbar gleichzeitig Kontrollierender und Kontrollierter. Jeder kann scheinbar jeden kontrollieren: die Pseudo-Demokratisierung der Kontrolle.
5.) Die postpanoptische Architektur:
Im Gegensatz zur postpanoptischen zeigte sich in der panoptischen Architektur noch der Zweck – die Kontrolle – in der Form des Bauwerkes (vgl. Form des Panopticons v. Jeremy Bentham). In der postpanoptischen Architektur wird diese Kontrollaufgabe nicht von der Form des Gebäudes, sondern von Überwachungsmaschinen übernommen. Die postpanoptische Form ist das Labyrinth.
Die postpanoptische Architektur erschafft überwachte Labyrinthe.
Die postpanoptische Form übertüncht lediglich die panoptische Form.
6.) Die Mall ist ein Postpanopticon.
7.) Die postpanoptische Selbstverwarung
Der Mensch im Postpanopticon ist ein kontrollierter Verlorener.
Der postpanoptische Mensch besteht ausschließlich aus Waren.
Der postpanoptische Mensch behandelt sich selbst als Ware.
Der postpanoptische Mensch errechnet sein „Ich“.
Judith Recher
„Offenbarung 14,17: Und ein anderer Engel ging aus dem Tempel, der hatte eine scharfe Hippe“ aka “Einkaufstempel“ unvollendet *

Matthaeus 21,12: Und Jesus ging zum Tempel Gottes hinein und trieb heraus alle Verkäufer und Käufer im Tempel und stieß um der Wechsler Tische und die Stühle der Taubenkrämer.
Jesaja 66,6: Man wird hören eine Stimme des Getümmels in der Stadt, eine Stimme vom Tempel, eine Stimme des HERRN, der seinen Feinden bezahlt.

Die architektonischen Parallelen der sakralen Architektur
diverser Gotteshäuser und der profanen Architektur von Einkaufszentren ist unleugbar. „Einkaufstempel“ machen sich
sakrale Elemente zu Nutze, um ein „Schutzgefühl“ vorzugaukeln.
*paranoia Aber in einem Gebäude, in dem man sogar beim Toilettengang und überhaupt jedem Schritt, den man macht, gefilmt wird, ist es strengstens verboten zu fotografieren.
Selbst wenn dadurch keine „Kunden“ belästigt und diese auch definitiv nicht abgelichtet werden.
Jegliche Störung oder sogar Gefahr (wurde in Graz jemals in ein Einkaufszentrum eingebrochen?) des hermetisch abgeriegelten Raumes muss eliminiert werden, die Entfernung einer solchen muss unverzüglich erfolgen. In diesem Falle war es meine Person.
Überwacht ja nicht die Überwacher! Selbst in der Kirche hörte ich: „Das ist meine Kirche! Ich bin der Pfarrer, nur durch mich haben sie die Erlaubnis.“
Einen Teil der Materialkosten musste ich verwenden, um mein Aussehen zu verändern und meine von Kameras aufgezeichnete und verfolgte Identität zu schützen.


Simon Rulquin
Where is Wally (Où est Charlie?).

The aim of the game is simple: find Wally in a busy scene full of people. Wally is well hidden and difficult to find.
Recommendation «Hier ist ALLES verboten», Security Guard - Shopping City Seiersberg
Here everyone becomes a Wally.






tisi
konsuMensch

dass sich einkaufszentren wegen oder trotz der strikten ökonomischen kalkulationen in der gesellschaft so erfolgreich festsetzten und ausbreiteten, ist nicht so leicht und auf die schnelle erklärbar, wie es im nachhinein erscheint, wo es kaum mehr alternativen gibt. die erfolgsgeschichte des massenkonsums als logische folge der konsummassen abzuhaken, greift zu kurz. es ist auch nicht selbstverständlich, dass diese exzessiven warenanhäufungen nicht regelmäßig von rechtschaffenden bürgern oder gutherzigen anarchos geplündert werden. das ist auch nicht einfach damit erklärt, dass im allgemeinen in einkaufszentren nur billiger ramsch feilgeboten wird bzw. dass im speckgürtel größerer siedlungen kaum derart kriminelles potential zu erwarten wäre. den vormarsch der einkaufszentren mit dem niedergang des christlichen glaubens und dem zerfall der gemeinschaftlichen werte und zentren zu erklären, mag sektierern, die einkaufszentren für teufelszeug des kapitalismus halten, erklärung genug sein; warum aber sich menschen ausgerechnet im umfeld von produkthalden so wohl fühlen, dass sie dort auch noch ihre freizeit verbringen wollen, das – ist das vielleicht so, weil sich waren eben als waren unter waren in warenlagern am wohlsten fühlen? oder ist es deshalb, weil die artgerechte umwelt des konsuMenschen nun einmal ein weitläufiges gehege ist, wo ihre arbeit in den produkten zur ruhe gekommen ist, da wo sich jederzeit gelegenheiten bieten konsum zu konsumieren, verbunden mit dem gefühl der teilhabe, dem nah-sein von besitz, so als ob du alles da selbst besäßest, so dass das dasein im einkaufszentrum ein gefühl von gemeinschaft vermittelt, wie in der kirche, wo dieses erlebnis von gemeinsamkeit zu einem so starken gefühl werden kann, dass selbstvergessenheit eintritt. und selbstvergessenheit genügt vielen schon, um sich wie im paradies zu fühlen.
Wolfgang Helmhart "epigonales" (Textauszug) © 2009

Lea Titz
Zwei Farben: Rot und Grün oder die blockhafte Introversion eines Grünbaum
Um diese(s) Projekt(e) zu realisieren, war es möglich, mit nichts als dem Gewand am Leib und der Bankomatkarte zum Arbeitsplatz zu gehen.
Ich habe die Kamera für Video- und Fotoaufnahmen gekauft, den Stift und den Block für die Archivierung der Blätter, die Bilderrahmen, den Kleber, ich habe gegessen und getrunken ...
Ich habe allerdings mein nicht vorhandenes Kind inzwischen nicht in der Spieleburg abgegeben, habe das Video und die Dokumentationsfotos nicht bei DM auf CD brennen lassen und diese nicht gemeinsam mit den gerahmten Blättern und Fotos auf die dortige Post gebracht, verpackt und sogleich an zweintopf geschickt.
Habe daraufhin nicht alle Reste in den Mist geworfen, um mit nichts als den Kleidern am Leib und der Bankomatkarte um 18:00 den Arbeitsplatz zu verlassen.
Inklusive Kamera sind 250 € Spesen entstanden.
Zwei Farben: Grün oder: die blockhafte Introversion eines Grünbaum
„Citypark“ vereint gleich zwei der Lieblingsbestandteile von Shoppingcenternamen: Stadt und Park.
In diesem Park, der als Logo einen grünen Baum trägt, findet man Tote und Untote. Pflanzen. Die einen brauchen nichts außer Reinigung, die anderen kommen mit den idealen Lebensbedingungen für Vampire gut zurecht: den Plätzen ohne direktes Sonnenlicht, den Menschen als Wirt ...
Im allgemeinen Bereich gibt es etwa sechs unterschiedliche lebende Pflanzenarten, die in allerbester Verfassung sind, sodass sie sich oft kaum unterscheidbar in gemeinsamen Blumentrögen mit den künstlichen mischen. Ein besonderes Highlight diesbezüglich findet sich bei Eingang 6 im Obergeschoß (neben der Apotheke im Citypark).
Bei der Erfassung der Flora wurde auch alles berücksichtigt, das vorgibt, Flora zu sein. Nicht berücksichtigt wurden Pflanzen und Pflanzenteile, welche rein zum Verzehr angeboten werden, sowie „Pingouin“ und „Cityblumen“ (beide EG), die als jeweils eigenständiger Biotyp angesehen werden können.

Zwei Farben: Rot oder: die blockhafte Introversion eines Grünbaum
Nur eine rot funkelnde Tiefgarage ist eine gute Tiefgarage –
rot mit ausreichend grünen Sprenkeln, damit niemand zu lange suchen muss.
Rote Parkgarage heißt grüne Zahlen für die Betreiber ! Rote Parkgarage heißt, einen belebten Marktplatz vorzu- finden?!
Den Puls des Einkaufszentrums fühlt man am besten in der Parkgarage. Lang - kurz - lang - kurz - lang - kurz - lang - kurz ... und zwar in rot - grün - rot - grün - rot - grün.
Die Körperchen transportieren an und ab. Das ist bekannt.
Und wenn draußen das Grün weniger geworden ist, wird es auch in der Garage weniger. Und wenn es draußen und oben besonders weiß – und unten, in der Garage, besonders rot glitzert und leuchtet, dann ... dann ist vielleicht bald Weihnachten !
Sylvia Winkelmayer
T_09
„T_09“ ist ein im Einkaufszentrum Seiersberg angelegtes Projekt das den halböffentlichen und/oder äußerst privaten Raum, der in einem Einkaufszentrum ja massenhaft zu teilen ist, ins Zentrum rückt – die öffentliche Toilettanlage. Ausgangspunkt sind unzählige Überlegungen diese „besonderen Räume“ einerseits komfortabel, sauber und „frisch“ zu halten, Damentoiletten sind im öffentlichen oder halböffentlichen Raum ein besonderes Thema.
Dieser Kleinstraum bespielt eigene Regeln, ist medial vermeintlicher Gewaltraum (Angst „etwas“ könnte von unten oder oben in die private Zelle der Toilette eindringen) oder Rückzugsort im Durchschreiten einer Grenze zwischen Privatheit und Öffentlichkeit.
Der voyeuristische Blick von „unten“ wird Zentralpunkt der fotografischen Arbeit. Das Festhalten und Reduktion auf einen Augenblick des kurzweiligen Alleinseins spielt einerseits mit der Wiederholung des Tätermotivs, andererseits hinterfragt es die Grenze zwischen privat und öffentlich, denn Geräusch und Filmtransport werden durch das Festhalten des Moments hörbar, teilweise auch spürbar. Mit diesem fotografischen Dokument wird gleichzeitig der soziale Raum dieses Kleinstraumes untersucht.


Sylvia Winkelmayer
o.T.


zweintopf
Vier Jahreszeiten - or the making of a public space lookalike










