Imagineering
Shoppingcenter Seiersberg, Citypark, Murpark Graz, 2009
curated by zweintopf










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Vorwort
Imagineering - vom konstruierten Blick und der Anleitung zur kritischen Intervention

Graz ist Shopping-Hauptstadt – ein neuer Titel in einer langen Liste der Zuschreibungen. Wenigstens einer, der neben „Stadt der Volkserhebung“ empirische Evidenz besitzt. Immerhin lässt sich die Shoppincenterfläche in Quadratmetern relativ einfach feststellen und vergleichen.
Kulturhauptstadt, UNESCO Weltkulturerbe, Menschenrechtsstadt, vielleicht bald auch „City of Design“ lassen weit weniger Relevanz erkennen. Um dieser Problematik entgegen zu steuern, werden nun genug Designer, Architekten und Marketingmanager ausgebildet, die sich mit der Repräsentation dieser polierten Formen auseinandersetzen sollen. Formuliertes Ziel scheint die Stabilisierung der affektiven Rezeption, die Gleichschaltung aller Meinungen und Erwartungen. Damit ist Graz also auf dem besten Weg zumindest vorgeblich „Designhauptstadt“ zu werden. Fragt sich nur von welchem Land.
Bei all diesen Entwicklungen handelt es sich letztlich um einen traurigen Hilfeschrei des Städtischen, das sich scheinbar ständig neu erfinden muss. Unglücklicherweise erweist sich aber gerade eine über derartige Auszeichnungen definierte Gegenstrategie zum Shoppingcenter als bloße Kopie der Waffen des „Feindes“. Imagineering wird mit Imagineering herausgefordert. Walt Disney, selbst Schöpfer des Begriffs, präzisiert seine Vision mit: „What we’re selling is a belief in fantasy and storytelling“. Norbert Bolz hat das Konzept des „Imagineerings“ auf den Konsum übertragen und beschreibt damit den postmaterialistischen Kunden und seine Sehnsüchte. Gekauft werden heute keine Güter, sondern Geschichten, Gefühle, Träume und Werte. Und ist es nicht sehr viel leichter diese Phantasien in einer neu konstruierten, noch unbelasteten Welt zu verkaufen, als neue Werte der gewachsenen Stadt als Konstrukt überstülpen zu wollen?
So entstand das Konzept „Einkaufszentrum“. Der leblosen Architektur in suburbanen Gegenden werden bekannte Versatzstücke aus allen Jahrhunderten der Architekturgeschichte entgegengesetzt. Regenfeste Gotik, Renaissance und Heimatstil in einem, Gemütlichkeit in kleinen Happen und ohne Verknüpfung zu mühsamer Geschichte. Ein sicherer, sauberer, hermetisch abgeriegelter Mikrokosmos, scheinöffentliche Flächen, Plätze und Gehsteige, nach innen orientierte „Straßencafes“, von Ladenzeilen umschlossen – die Mallarchitektur schützt nicht nur vor dem Wetter: dem falschen Menschenschlag ist der Zutritt via Hausordnung ebenfalls verweigert. Nach außen präsentiert sie sich als Kasten, ein abweisender Block, der Autos wie Blechmotten magisch anzieht. Das Einkaufszentrum als freiwillige innere Emigration, sein Kern ein Gesamtkunstwerk des Konsums: Kaufen, Essen, Amüsieren – die Welt als ästhetisches Phänomen.

Soweit zur vorgefunden Situation, die wir nicht unkommentiert lassen wollten.

Und so wurde die Möglichkeit geschaffen, sich dieser Erscheinungen anzunehmen: zweintopf konnte KünstlerInnen/ArchitektenInnen/Kollektive einladen sich am Shoppingcenter abzuarbeiten, konnte die Entlarvung der Scheinöffentlichkeit, insbesondere subversiv und ohne Erlaubnis der Shoppincenterleitung künstlerisch tätig zu werden, delegieren. Die öffentliche Hand lieferte das monetäre Rüstzeug. Wenn Sie also dieses Vorwort lesen, ist alles längst vorbei – diese Dokumentation bleibt als Imaginationshilfe für Szenarien unerlaubten Handelns, die geladenes Publikum nicht vorsehen. Das Bild, die Veröffentlichung verhilft diesen Handlungen zu Beständigkeit und paradoxerweise auch zur nötigen Glaubwürdigkeit. Und so ist auch hier das Bild vorherrschend, visuelle Täuschung möglich, die Sichtbarmachung Teil einer scheinbaren Transparenz. Letztlich können wir ein gelungenes Scheitern unseres Vorhabens bekannt geben – auch die Kunst kann sich vom Imagineering nicht ausnehmen. Der Künstler selbst ist handelnder Akteur eines beschränkten Marktes der Eitelkeiten. Aus einer erzwungenen Gegenstrategie wurde ein Imagineering des Imagineering auf künstlichen Subversionsflächen. Und so muss es wohl heißen: Shopping City Graz: Go on! Eure „imagineers“ schaffen die besseren Bilder, die eindrucksvolleren Wirklichkeiten für unsere zukünftige Gesellschaft.

zweintopf