Gabelbissen
Intervention „Künstliche Natürlichkeit“
Hintergrund:
Der Garten des Barock wurde nicht aus der Landschaft heraus entwickelt, sondern künstlich angelegt und strengen Regeln unterworfen. Gartenanlagen waren architektonische Fortsetzungen der Schlossräume und als solche bestimmt von der Repräsentationsfunktion. Die nach einer strengen Geometrie komponierten Landschaften wurden nach dem Willen des Menschen neu geschaffen, die Natur gewissermaßen mit den Mitteln der Kunst „beschämt“, da ein zurechtgestutzter Baum das natürliche Wachstum in eine schönere Form brachte. Der Herrscher des Barock wurde damit zum Herrscher über die Natur.
Geschaffen wurde so eine völlig neue Welt des Gartens, die einer strengen Aneinanderreihung bedurfte damit sie nicht in das Chaos der Beliebigkeit abrutschte. Alle unterschiedlichen Elemente wurden mittels Geometrie verkettet und stehen auf diese Weise miteinander in Zusammenhang. Richtschnur eines jeden Gartens war die Hauptachse, an der die verschiedenen Parterres, Treppen, Rampen, Brunnen usw. aufgereiht waren. So gibt es in einem solchen Parkkomplex keinen Punkt, der nicht immer auch ein Weg zurück zum ideellen Zentrum wäre. Die Geometrie dient als adäquates Medium, um die Totalität des Seins, auch das Geringfügigste und Entfernteste an seinen absoluten Ursprung zu binden.
Heute gelten Parks meist als Stätten einer vermeintlichen Natur, allerdings in Wirklichkeit oft kaum mehr, als künstliche Plagiate von etwas, das wir gemeinhin als Natur bezeichnen: Ein kleines Reich der wohlgestalteten, leicht konsumierbaren Ereignisse und gleichzeitig die wunderbarste Ordentlichkeit dieser Welt. Pittoresk aneinander gereihte Floraemigranten namens Beetblumen dürfen nicht wild und anarchistisch die Wiese beschmutzen, wie ihre unbeeinflussten, frei wachsenden Kollegen, ist die Wiese doch längst einem Rasen gewichen. Nein, sie müssen soldatisch aufgereiht und „Hab- Acht- stehend“ unsere Blicke erfreuen, in allen Modefarben lieferbar sein und dabei auch noch gut riechen.
Idee:
>zweintopf< negiert diese perverse, künstliche Natürlichkeit und bietet als Alternative eine ehrliche Künstlichkeit - die Entsprechung des Dingverliebten „Marketing- Charakters.“ Dieser Begriff wird 1947 von Erich Fromm in einer seiner Abhandlungen über Nekrophilie einer Analyse unterzogen.
Laut Fromm ist die Nekrophilie der vorherrschende Charakterzug des 20 bzw. 21. Jahrhunderts. Er meint aber damit nicht, sich von Leichen, schlechten Gerüchen oder von Kot angezogen zu fühlen, sondern das genaue Gegenteil: Alles muss immer klinisch rein sein, aseptisch und antibakterielles Waschmittel und Taschentuch, Glas und Stahlfassaden, aber tot ist beides, Leiche wie Glasfassade.

Mit solchen Handlungen wendet sich der Mensch vom Leben ab. Weg von der Natur, weg vom Menschen, weg von sich selbst…er verwandelt alles Leben in Dinge, einschließlich seiner selbst und der Manifestation seiner menschlichen Fähigkeiten der Vernunft, des Sehens, des Hörens, des Fühlens und Liebens. Die Sexualität wird zu einer technischen Fertigkeit (zur Liebesmaschine, zum Fickapparat), […] die Freude, Ausdruck intensiver Lebendigkeit, wird durch Vergnügen oder Erregung ersetzt; und viel von der Liebe und Zärtlichkeit, die ein Mensch besitzt, wendet er seinen Maschinen und Apparätchen zu… und zusätzlich kommt auch noch der „Think Tank“ angerollt, um uns ein bisschen platter zu machen.
Der barocke Mensch glaubte die Natur in der Form beherrschen zu können. Heute versucht der Mensch, die Natur zusätzlich nach seinen Vorstellungen zu „verbessern“. Aus einem „Jahr für Jahr- Zurechtstutzen“ wurde die bewusste Züchtung. An allen Ecken und Enden wird die Natur als zu schwach empfunden - sie muss vom Menschen gepflegt, gedüngt, der Samen genetisch verbessert werden, um den modernen Ansprüchen zu genügen.
Die ehrliche Künstlichkeit unseres Blumenbeetes ist der letzte Schritt einer langen Reihe von Entwicklungen, weg von der willkürlichen Natur, hin zu für den Menschen beherrschbaren Situationen. 10.000 Gabeln, formschön, haltbar, weiß und pflegeleicht, können dem Barockpark endlich eine Ahnung von Modernität geben, die man sich für ihn schon so lange wünscht. Die geplante Ordentlichkeit der Natur in den Barockgärten wird damit in eine aktuelle Sprache übersetzt.
[Quellen: Erich Fromm, Anatomie der menschlichen Destruktivität, 23. Auflage 1973. Thorsten Olaf Enge, Carl Friedrich Schröer, Gartenkunst in Europa 1450-1800.Vom Villengarten der italienischen Renaissance bis zum englischen Landschaftsgarten]






